Unser Berlin

Warum Ferienwohnungen?

Oliver Fuchs und Manuela Martins im Gespräch über ihre Absichten, Gründe und Überlegungen, warum Ferienwohnungen eine Bereicherung für Berlin sind.

Manuela:
Lieber Oliver, als wir uns nach unserem Hamburger Architekturstudium beide in Berlin wieder gefunden haben, hattest du gerade in Eigenarbeit und akribischer Detailverträumtheit die Remise in Kreuzberg umgebaut, zu deinem eigenen Domizil und als Beginn deiner Design-Werkstatt Axt und Späne. Ich erinnere mich, dass der Dachgarten angelegt wurde und du dir nach und nach den Hinterhof angeeignet und eine grüne Oase gezaubert hast. Und fast im gleichen Atemzug tauchte das Thema "Ferienwohnung" auf. Wie ist es noch mal dazu gekommen?

Oliver:
Das ist richtig. Ungefähr ein Jahr, nachdem ich die "freundliche Übernahme" des Hinterhofes in der Lausitzer Strasse begonnen habe, fragte mich mein Vermieter, ob ich nicht auch eine Idee für eine kleine, heruntergekommene Wohnung im Erdgeschoss des Hinterhauses hätte. Ich hab mir die Wohnung angesehen und hatte sofort eine Vision: Balkontüren nach hinten, ein kleiner Kiesgarten, abgeschliffene Dielen ein offenen Wohnraum. Und obwohl der Umbau meiner Remise längst nicht abgeschlossen war, hab ich mich entschlossen, diese Wohnung unter meine Fittiche zu nehmen. Erstmal gedacht als Rückzugsort für meinen damaligen Lebenspartner, der noch in Hamburg wohnte und nur gelegentlich nach Berlin kam und dort gut einen Ort gebrauchen konnte, an dem er sich zurückziehen und arbeiten konnte. Diese Wohnung wurde dann erst von Hamburger Freunden und nach und nach von Freunden von Freunden, von Verwandten von Freunden und schließlich von gänzlich Fremden für zwei, drei Tage genutzt. Irgendwann habe ich angefangen, dafür Geld zu nehmen, da die Wohnung in manchen Monaten für uns gar nicht mehr nutzbar war... dann kam die Putzkraft, dann die Bettwäsche, Handtücher für jeden Gast und innerhalb von wenigen Monaten dann bald die zweite Ferienwohnung dazu.

Manuela:
Das heißt, die Ferienwohnung ist zu dir gekommen, nicht du zur Ferienwohnung?

Oliver:
Du weißt es doch selbst: Berlin ist immer eine Reise wert. Wer einen Platz gefunden hat, wo er sich wohl und zu Hause fühlen kann, der kommt gerne wieder. Manche unserer Hamburger Stammgäste kommen seit der Zeit drei, vier Mal im Jahr hierher. Eineinhalb Stunden Zugfahrt, in eine andere und dennoch bekannte Welt eintauchen, da erscheint einem das Wochenende viel länger, als wenn man es zu Hause verbringt. Es ist so, dass die Ferienwohnungsidee sich einfach so ergab, weil ich darum gebeten wurde, es ist allerdings auch so, dass ich mit den Ferienwohnungen eine Seite an mir ausleben kann und darf, die mir sehr gefällt.

Manuela:
Was ist dir denn das liebste Arbeitsfeld im weiten Gebiet der Ferienwohnungen?

Oliver:
Oh, es gibt ganz vieles, was mir aufrichtig Spaß macht. Gleich zu Beginn, das Objekt suchen, die Gegend erkunden, eine Grundrissstruktur zu entwerfen, wie sie praktisch und wohnlich für Ferienwohnungen ist, die Farben der Fliesen und Möbel aussuchen, anordnen, improvisieren, selber mit anpacken, Kunst auswählen – einfach alles was mit den Entstehungsprozess zu tun hat, ist wundervoll. Aber auch das Business day-by-day ist toll: Reisende sind die nettesten Kunden, die man sich vorstellen kann. In aller Regel sind sie aufgeschlossen, geradezu auf der Suche nach etwas neuem. Deshalb sind Ferienwohnungen auch so attraktiv für viele Menschen: Hier begegnen sie nicht einem zigfach kopierten Hotelkonzept, sondern mit jeder Ferienwohnung einem individuellen Lebensstil des Betreibers, einer Hausstruktur, einem anderen Kiez. Ich würde mal sagen: Mit einer Ferienwohnung kann man Berlin so erleben wie es wirklich ist. Man kann beim Gemüsemann orientalische Spezialitäten kaufen, man kann sich beim Thaiimbiss essen holen und mit einer Dose Bier auf der Terrasse speisen, man kann vor dem Fernseher lümmeln und Freunde bekochen. Für einen kurzen Zeitraum wird man zum Berliner oder zur Berlinerin. Diese Freude am Berliner Leben zu vermitteln und zu teilen, ist für mich immer wieder befriedigend und die Reaktionen der BesucherInnen auf die Wohnungen und das Umfeld sind immer wieder eine Bestätigung dafür, das wir vieles richtig machen.

Manuela:
Würdest du sagen, ein Berlinbesuch mit Übernachtung in einer Ferienwohnung ist einem Hotelaufenthalt vorzuziehen?

Oliver:
Oh, nein. Es gibt für jede Zeit im Leben die richtige Unterbringung! Ich mag Hotels genauso gerne wie Ferienwohnungen. Es kommt einfach auf den Urlaub an, den ich geplant habe. Verreise ich beispielsweise mit Freunden, dann finde ich eine Ferienwohnung fantastisch und im echten Vorteil gegenüber dem Hotel. Wir können zusammen rumhängen, kochen etc. Mit Hotelbuchung muss man auf diese Art von Vergnügungen verzichten. Und ich koche wahnsinnig gern, probiere gern was aus, am liebsten dann eben auch mit dem Angebot, das vor Ort erhältlich ist und hier in Berlin beispielsweise ist dies natürlich auch fantastisch. Hotelurlaub ist auch gleich bedeutend mit "more expensive". Du musst immer essen gehen, immer draußen sein und dort deinen Aperitif nehmen und so weiter. Aber natürlich gibt es gegen diese mondäne Art des Urlaubmachens nichts einzuwenden! Familien und Gruppen sind aber deshalb oft in Ferienwohnungen anzutreffen: Hier erhält man für den Preis einer Übernachtung im Schlafsaal eines Hostels Exklusivität und Privatsphäre! Aber auch das Hostel hat viele Vorteile. Und in Berlin gibt es mittlerweile wirklich viele, zentral gelegene Hostels, die moderne Form der Jugendherberge. Das Hostel bietet vielleicht weniger Wohnkomfort, dafür aber für alleinreisende jede Menge Anschluss. Es werden Tipps ausgetauscht, man lernt sich kennen und geht zusammen aus. Wer ein größeres Ruhebedürfnis hat, ist mit einem Berliner Hostel jedoch schlecht beraten...

Manuela:
Es existieren bei vielen Menschen auch Vorurteile gegenüber Ferienwohnungen. Woher kommt das deiner Meinung nach?

Oliver:
Ich glaube dies rührt aus der Zeit, als Ferienwohnungen noch aussahen wie auch Bauarbeiterunterkünfte heutzutage nicht mehr aussehen sollten! Verqualmt und durchgelegene, verschwitzte Matratzen, die ausgemusterten Einrichtungsgegenstände der Vermieter und 20 Jahre alte Handtücher! Die neuen Ferienwohnungen sind von diesem Bild soweit entfernt, wie das Hotel Adlon, unser erstes Haus am Platz und eine Skihütte in den Bergen ohne elektrisches Licht! Ferienwohnungen heute sind ein Spiegel des Gestaltungswillen des Vermieters, große Gastfreundlichkeit und Herzlichkeit. Alle Vermieter und Vermieterinnen von Ferienwohnungen, die ich bisher gesprochen habe, übernehmen diese Aufgabe gern und freuen sich, wenn die Gäste zufrieden sind und wieder kommen. Und jeder der Berliner Vermieter tüftelt in Abständen darüber nach, wie er die Wohnungen noch schöner, noch praktischer noch zufrieden stellender machen kann. Ich glaube, wer einmal in einer Berliner Ferienwohnung war, kommt gerne wieder. Wieder nach Berlin und wieder in eine Ferienwohnung.

Manuela:
Du arbeitest ja hauptberuflich als Designer. Sind Ferienwohnungen dein Hobby?

Oliver:
Hobby, Beruf und Berufung. Ich finde, dass die Vermietung von Ferienwohnungen meine berufliche Tätigkeit ergänzt und bereichert. Auch als Designer möchte man, dass die Kunden an den eigenen Erfahrungen, Überlegungen und Gestaltungen teilhaben. Bei Ferienwohnungen ist das nicht anders. Ich mochte mich gestaltend mitteilen. Interessant ist, dass wir ja als Netz und Netzwerk arbeiten und fast alle MitstreiterInnen von der Gestaltung her kommen. Architekten wie du und ich, Künstler und KünstlerInnen, die sich um die Pflege der Ferienwohnungen kümmern, Tischler und Tischlerinnen ,die beim Einrichten, Ausstatten und Erhalten der Ferienunterkünfte zur Hand gehen. Viel, viel kreatives Potential, das sich hier versammelt.

Manuela:
Warum glaubst du, ist das so?

Oliver:
Einen Grund habe ich schon eingangs genannt: Reisende sind die aufgeschlossenstetn Kunden! Gast ist das richtige Wort dafür. Wir alle freuen uns, dass Menschen aus aller Welt hierher kommen und sich für unsere Stadt, für unseren Kiez und unsere Lebensweise interessierten. Und wie hat unser Bürgermeister Wowereit es so treffend formuliert: Berlin ist arm aber sexy. Und es freut uns, dass es Touristen auch in unseren Kiez verschlägt. Es freut uns, dass es Interesse an unserer Lebensweise gibt, Denn – das finde ich steht außer Frage – wir, die kleinen Freiberufler, die kleinen Geschäftebetreiber, die Designer, die Künstler, die Musiker und alle anderen Kreativen der Stadt, die mit wenig finanzielle Absicherung ihrem persönlichen Lebensstil nachgehen – wir sind Berlin. Arm aber sexy. Das macht einen großen Teil des Stolzes aus, den wir haben, wenn wir unsere Gäste in unseren Ferienwohnungen empfangen. Das erinnert mich an die Diskussion, die wir geführt haben, als du überlegt hast, deine erste Ferienwohnung in Angriff zu nehmen. Wie bist du dazu gekommen?

Manuela:
Bei mir ist es der Wedding, der mein Berliner Leben bestimmt. Für alle Nicht-BerlinerInnen, der Wedding ist ein Stadtteil, der ganz zentral liegt, aber durch den Mauerbau auf einmal Grenzgebiet und abgelegen war. Viele türkische Berliner sind damals in diesen Stadtteil gezogen, irgendwie war es fast wie Wohnen am Stadtrand. Dann nach der Maueröffnung gehörte der Stadtteil auf einmal zu Mitte. Und wusste gar nicht recht damit umzugehen. Ich bin 1998 in den Wedding gezogen, hatte vorher in Rom gewohnt und habe mich regelrecht in den Wedding verliebt. Für mich war er und ist er einer der wenigen Orte, wo Berlin nicht "Kiez" sondern Großstadt ist. Ich habe die Badstraße gesehen und gedacht: ja, wie Viale Marconi, hier will ich hin. Viele meiner Freunde halten – oder besser gesagt – hielten mich für verrückt. Seither versuche ich bei meinen Freunden und Bekannten für den Wedding zu werben – meist ohne Erfolg, fast alle zog es in den Prenzlauer Berg, nach Kreuzberg und Friedrichshain. Aber jetzt in den letzten zwei Jahren vielleicht, kommt der Wedding klammheimlich.... Galerien, Ateliers öffnen regelmäßig ihre Tore und laden ein, Restaurants, Cafés und Cocktailbars entstehen. Noch sind sie schön versteckt, aber es kündigt sich an, dass der Wedding wieder entdeckt wird. Jetzt bin ich aber über mein Lieblingsthema, den schönen Wedding abgeschweift. Also: Als ich vor ca. drei Jahren Bauherren überredete, sich eine sehr günstige, heruntergekommene Altbauwohnung im Wedding zu kaufen und mich als Architektin diese sanieren zu lassen, stieß ich auf offenen Ohren. Die Wohnung wurde gekauft, total entkernt und bis ins kleinste Detailchen von mir gestaltet. Dann sollte ich dieses Schmuckstückchen einem noch unbekannten Mieter überlassen. Und das Herz blutete mir. Womöglich Raufaser auf meinen schönen gespachtelten Wänden, Teppichboden oder noch schlimmeres auf meinen abgezogenen Dielen – kein schöner Gedanke. Als Rettungsanker habe ich dann dich eingeladen, um mal abzuschätzen, ob die Wohnung vielleicht als Ferienwohnung tauglich und für Berlinbesucher interessant sein könnte. Und du hast mir dazu geraten. Du wusstest, dass BerlinbesucherInnen sehr aufgeschlossene Menschen sind, die gerne etwas authentische Berlinluft schnuppern wollen. Und tatsächlich. Die Wohnung wurde inseriert und begeistert sowohl von der Lage als auch von der Ausstattung viele, viele BesucherInen jedes Jahr. Meine Bauherren waren auch zufrieden und sind nun stolze Besitzer von weiteren zwei Wohnungen im Wedding, die ich für Sie als Ferienwohnung verwalte. Und für mich Wedding-Predigerin ist es immer besonders toll, wenn ich meine Gäste auch für ihr Umfeld begeistern kann. Am liebsten würde ich einen kleinen Führer über den Wedding herausgeben – es fehlt nur an der Zeit dafür!

Oliver:
Ich habe es bei vielen Gästen schon beobachtet und berichtet bekommen: Gäste kommen gerne wieder nach Berlin, meist sogar regelmäßig alle ein, zwei Jahre und sie sind sehr interessiert daran Berlins Vielschichtigkeit zu entdecken. Deshalb werden von vielen auch Ferienwohnungen in den unterschiedlichsten Stadtteilen gebucht. Und sie haben Recht, Denn die Atmosphäre im gutbürgerlichen Charlottenburg, im hochherrschaftlichen Lichterfelde-West, im Arbeiterbezirk Wedding, im polit-mulit-kulti Kreuzberg, im mondänen Mitte, im alternative Friedrichshain, im kreativen Schöneberg – jeder Kiez ist anders, jeder Stadtteil anders und es lohnt sich, in die Bezirke und die direkte Nachbarschaft einzutauchen.

Manuela:
Sicherlich, das ist eine gute Strategie um Berlin wirklich kennen zu lernen. Aber ich freu mich ganz besonders über Gäste, die jedes Jahr wiederkommen, Freunde und Verwandte vorbeischicken und mir dann mitteilen, was es Neues und Verändertes im Kiez gibt. Dinge die mir entgangen sind, weil ich zu dicht dran bin. Also auch die Gäste zeigen mir Berlin, nicht nur umgekehrt.

Oliver:
Kann es sein, dass wir jetzt von Thema abgekommen sind? Warum Ferienwohnungen?

Manuela:
Für mich ist ein unschlagbarer Pluspunkt für Ferienwohnungen, dass man dem Berliner Leben einfach näher ist. In einem Mietshaus, mit lauter Berlinern als Nachbarn, beim Einkaufen, beim U-Bahn oder Fahrradfahren. Einfach näher Dran.

Oliver:
Genau das ist es: In Ferienwohnungen ist man näher am Berliner Leben.

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